Das gewisse Etwas

- eine romantische Kurzgeschichte -

Beate Boeker

New York

“Französische Frauen,” sagte Jack, “haben das gewisse ‘je-ne-sais-quoi’.”

Ich hasse es, wenn Jack mit mir Französisch spricht, doch ich nickte und tat so, als ob ich ihn verstehen würde.

“Das gewisse Etwas.” Jack strahlte mich mit seinen leuchtenden, blauen Augen an.

Ich konnte mir nicht helfen, ich musste einfach zurückstrahlen, obwohl ich ihm sagen wollte, dass er die französischen Frauen vergessen und sich lieber auf mich konzentrieren sollte. Das war das Mindeste, was er tun konnte, immerhin hatte ich ihn schon wieder zum Mittagessen eingeladen, in unserem Lieblingsbistro an der Ecke der 42. Straße und 3. Avenue, aber nein.

“Sie haben so einen Chic, so eine unbeschreibliche Art . . .” Er machte eine Bewegung mit den Händen, als ob er einen Schatz halten würde, dann ließ er sie fallen. “Ich kann es einfach nicht beschreiben.”

Dann lass’ es, dachte ich.

Seine langen Wimpern senkten sich und er blickte mir tief in die Augen.

Ich schluckte und versuchte genauso mondän auszusehen wie die ganzen französischen Frauen, aber ich hatte den seltsamen Eindruck, dass er mich gar nicht sah.

Es ist nicht so, als ob Jack ein Jahr oder so in Frankreich verbracht hätte. Ganz und gar nicht. Er war im letzten Monat sechs Tage an der Côte d’Azur, noch nicht einmal eine ganze Woche, und seitdem er zurück ist, muss ich ihm zuhören, wie er non-stop von den französischen Frauen spricht.

Wir arbeiten zusammen in der kleinsten und chaotischsten Werbeagentur in New York City, und ich dachte eigentlich, dass unsere gemeinsamen Mittagessen mich vor dem Wahnsinn bewahrten . . . bis er anfing, von den Französinnen zu schwärmen. Es klingt so, als ob jede einzelne eine Schönheit ist, während wir in den Staaten nichts zustande gebracht hätten, was auch nur halb so köstlich ist.

“Vergiss nicht Grace Kelly.” Ich hob meine Gabel, als ob ich die US Flagge empor hielt. “Sie hat es geschafft, die ganze französische Nation zu verzaubern und sie war eine Amerikanerin.” Nachdem ich mein Argument erfolgreich platziert hatte, lehnte ich mich zufrieden in meinen Plastiksitz zurück und spießte ein Stück Salat mit meiner Gabel auf.

Jack wischte Grace Kelly mit einer raschen Handbewegung vom Tisch. “Sie war eine Eiskönigin,” sagte er. “Außerdem war das Monaco, nicht Frankreich.”

Super. Jetzt fühlte ich mich auch noch dämlich.

Jacks Augen bekamen wieder den verträumten Blick, den ich hasste. Außer wenn er im Zusammenhang mit mir erschien, natürlich. “Französische Frauen bewegen sich mit so einer aufregenden Eleganz . . .”

Warum fühlte ich mich jetzt wie ein Elefant?

“. . . sie haben Feuer, das gewisse ‘je-ne-sais-quoi’.”

Ich wies ihn nicht darauf hin, dass er sich wiederholte. Statt dessen kaute ich schweigend meinen Salat. Wie um alles in der Welt konnte ich Jack dazu bringen, diese faszinierenden, französischen Frauen zu vergessen und sich abwechslungshalber mal mit mir zu beschäftigen? Na gut, mein Haar ist nicht Grace-blond oder Latino-schwarz, sondern irgendwie dazwischen und ich bin nicht sexy. Bin’s noch nie gewesen. Meine Mutter sagt, ich sei das knochigste Baby gewesen, das sie je gesehen hat. Es gab nichts Knuddeliges an mir. Damals nicht. Heute auch nicht.

An diesem Abend ging ich völlig gedrückt nach Hause. Als ich meine riesige Sporttasche durch die Tür manövrierte, stieß ich mit meinem Zeh gegen den Türrahmen. Ein heißer Schmerz pulsierte durch meinen Fuß.
Ich stöhnte. “Wie kannst Du nur so tollpatschig sein, Claire?”

Ich zerrte meine Sporttasche durch die Tür. “Eine Französin wäre niemals so—” Ich unterbrach mich mitten im Satz.

Großer Gott. Wenn ich schon selbst anfing, von den französischen Frauen zu schwärmen, war es wirklich Zeit, etwas zu tun.

Etwas Radikales.

Es fühlte sich wie eine Offenbarung an und es kam ohne Warnung.

Ich hatte eine Idee. Eine Idee, die mich nach Luft schnappen ließ, weil sie so verrückt war. Eine Idee, die mein Leben verändern würde.