Canale Burlamacca Viareggio
Carla di Luca

Tote sagen nicht buongiorno

Mord in Viareggio #1

Gauner, Gucci & Gelato

Durch ihre Klemptomanie rutscht Tonia mitten in einen Mordfall. Schafft sie es, sich von dem Mordverdacht reinzuwaschen und gleichzeitig den Diebstahl zu vertuschen?

Blurb

Gauner, Gucci & Gelato

Eigentlich hat die Modedesignerin Tonia mit ihrem Atelier im wunderschönen Viareggio an der ligurischen Küste das große Los gezogen. Doch leider gerät sie durch ihre Kleptomanie immer wieder in Schwierigkeiten. Nachdem sie das Armband einer unsympathischen Kundin entwendet hat, greift ihr Gewissen, und sie möchte es zurückgeben. Doch in der luxuriösen Hotelsuite der Dame stolpert sie über deren Leiche – und wird so zur Hauptverdächtigen. Mithilfe ihrer ziemlich verrückten Großeltern und dem kleinen Dackel Upsy Daisy kämpft Tonia darum, ihre Unschuld zu beweisen.

Oh. Oh. Ich wusste schon in der Sekunde, als sie durch die Tür meines kleinen Ateliers trat, dass sie eine anstrengende Kundin werden würde. Hätte ich weiter in die Zukunft blicken können, wäre ich aufgesprungen und davongelaufen. Aber in diesem Augenblick erwartete ich nur eine Stunde Stress, vielleicht zwei, mehr nicht.

Ich glaube, es war ihr Mund. Er war in den Winkeln ein wenig eingekniffen, unzufrieden. Aber auf den ersten Blick bemerkte man das eigentlich nicht. Sie hatte dunkelrotes Haar, das ihr in glänzender Fülle bis zur Hüfte fiel, samtbraune Augen, und eine Haut wie die allerbeste crema von nonna Giulia, dazu eine Figur … oh là là. Außerdem war sie von Kopf bis Fuß in Gucci gekleidet, was ich auch ohne die auffallende Handtasche sofort erkannte. Viareggio hatte durchaus seinen Anteil an attraktiven Frauen, vor allem jetzt im Juni, wo die Sommersaison begann, aber diese hier würde selbst in Mailand während der Modemesse auffallen.

Mit einem Lächeln grüßte ich die Dame über meine Nähmaschine hinweg. »Ein herrlicher Tag, nicht wahr?«

Die Juni-Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und funkelte auf dem Wasser des Canale Burlamacca, der direkt vor meinem Atelier entlangführte. Ich hatte Spiegel an der Decke meines Ateliers anbringen lassen, die das Licht einfingen und vervielfältigten, ansonsten wäre es in dem kleinen, schmalen Raum zu dunkel für meine Näharbeiten gewesen. Oben in meiner Wohnung war es nicht viel besser, weil es nun einmal ein historisches Häuschen war, das vermutlich zuerst einem Fischer gehört hatte. Der Hafen war nicht weit. Doch oben machte mir die Dunkelheit nichts aus, denn da war ich eigentlich eh nur zum schlafen. Es gab noch einen anderen Grund für die Spiegel hier unten, aber den Gedanken daran schob ich hastig von mir.

»Es tut mir leid, ich verstehe kein Italienisch.« Sie schaute nicht mal zu mir hin. Sie sprach Englisch mit einem amerikanischen Akzent.

»No problem«, antwortete ich. »I just said it‘s a lovely day

Die Frau nickte, ohne mich anzusehen, offensichtlich nicht in der Stimmung für Smalltalk. Wie seltsam. Eine Amerikanerin, die nicht gern über alles mögliche plauderte. Aber vielleicht hatte sie nur wenig Zeit und war von meinen Abendkleidern so begeistert, dass sie nicht abgelenkt werden wollte. Jetzt rupfte sie mit fahrigen Händen eines vom Bügel, raffte es in der Taille und schaute prüfend in den wandhohen venezianischen Spiegel mit dem dicken Goldrahmen.

Ich biss die Zähne zusammen. Es war ein Entwurf, der herrlich dicke Seide mit Lederapplikationen kombinierte. Gewagt, feminin, und eigentlich perfekt für sie. Doch ich wollte nicht, dass eines meiner Kleider von einem so unzufriedenen Mund und gierigen Händen getragen wurde. Jetzt reiß dich mal zusammen, mein Mädchen, rief ich mich selbst zur Ordnung. Wenn deine Schöpfungen nur von Menschen getragen werden dürfen, die glücklich und schön sind, bleibt eine verdammt kleine Zielgruppe übrig. »Die Farben passen sehr gut zu Ihrem Typ,« sagte ich auf Englisch. »Möchten Sie es vielleicht anprobieren?«

Sie schaute über ihre Schulter, und in der Sekunde wusste ich, wer gerade mein kleines Atelier betreten hatte.

Bella Grazia, das Highlight in der Show meines Vaters. Sängerin, Tänzerin, Weltstar. Ich hätte sie gleich erkennen müssen, doch ich hatte sie noch nie in Person gesehen. Ich kannte nur das Plakat, das ihre Show ankündigte. Das Plakat, in dem sie genau wie jetzt über die Schulter schaute – mit dem Unterschied, dass ihre Augen auf dem Plakat von extralangen Wimpern beschattet wurden, umrahmt von einem Lidstrich, der Glamour und Sünde zugleich versprach, ergänzt von einem tiefroten Lippenstift, der den unzufriedenen Mund übermalte.

Es ist meinem Vater zu verdanken, dass ich Details wie unzufriedene Münder schon auf Abstand sehe. Er nahm mich als kleines Kind mit ins Gran Caffe Margherita mit seinen arabisch anmutenden Türmen und trug mir auf, ihm die Leute zu beschreiben, die um uns herum waren. Und dann ergänzte er, was ich nicht gesehen hatte … und erklärte mir, was sich darunter verbarg.

Manchmal war es ein wenig schwierig, weil er selbst alle Blicke auf sich zog, zumindest die der Touristen. In Viareggio hat man sich an seine hohe Gestalt, seine breiten Schultern, seine dröhnende Stimme und vor allem seinen tiefschwarzem Samtumhang mit dem purpurroten Seidenfutter schon fast gewöhnt. Aber wer ihn das erste Mal sah, schaute immer noch ein zweites Mal hin, um sicherzugehen, dass es kein Traum war. Mein Vater, der sich selbst immer und überall als »Lionel der Löwe« vorstellte, obwohl er eigentlich Luigi getauft wurde, hatte immer Präsenz. Die Präsenz eine Zirkusdirektors, der mit einem Trommelwirbel in die Mitte der Manege schreitet und Glanz und Glitzer, Sägemehl und wilde Tiere, Tanz und Tränen verspricht. Tatsächlich war das sein Beruf, als ich geboren wurde. Wobei Beruf nicht das richtige Wort ist, denn einen Beruf kann man wechseln, er definiert einen nicht unbedingt. Doch mein Vater war Zirkusdirektor mit Leib und Seele und selbst, wenn er irgendwo als Buchhalter hätte arbeiten müssen, wäre er mit einem aristokratischen Schwung seines Umhangs ins Büro stolziert, hätte die Schöße seines Fracks hinter sich geworfen, während er sich auf seinen Stuhl setzte, und hätte die Monatsergebnisse angekündigt so, wie er früher die Trapeznummer meiner Mutter als Höhepunkt der Show angekündigt hatte.

Mein babbo war sehr stolz darauf, Bella Grazia unter Vertrag genommen zu haben und hatte mir erzählt, wie lang und zäh die Verhandlungen gewesen waren. Die Dame war nicht billig.

»Wieviel?«

Die Stimme von Bella Grazia riss mich aus meinen Gedanken. Offensichtlich machte sie nicht gern viele Worte. Ich nannte ihr den Preis für das Kleid mit ruhiger Stimme.

Sie riss die Augen weit auf. »Das ist teuer.«

»Es ist Haute Couture.«

Ihre gierigen Hände nahmen das kleine Metalletikett, das jedes meiner Kleider verzierte. »Toniella«, las sie. »Nie gehört. Wer ist das?«

»Das ist meine Marke,« antwortete ich mit aller Ruhe, die ich aufbringen konnte. »Ich heiße Antonia, und dieses Kleid ist ein Unikat.«

Sie maß mich von oben bis unten. »Also selbstgenäht?«

Es klang so, als ob sie fast hinzugesetzt hätte: »Nach einem Kurs bei der Volkshochschule?« Ich hätte ihr gern mein Kleid aus der Hand gerissen und beherrschte mich nur mit Mühe. »Ich habe Modedesign studiert.«

Sie ließ das Kleid nicht los und machte einen Schritt hin zu meiner Nähmaschine, wo sie stirnrunzelnd den dicken Stoff hochhob, den ich gerade nähte. »Das wird doch nie und nimmer ein Kleid.«

»Nein. Das wird ein Sofabezug.« Ich hielt meine Stimme so freundlich wie möglich. »Ich habe auch Interior Design studiert und entwerfe zusätzlich die Innenausstattung von Luxusyachten.«

Sie lächelte böse. »Aha. Also kann man von der Mode wohl nicht ganz leben, was?«

Sie hatte den Nagel auf den Kopf und mich an einer empfindlichen Stelle getroffen. Ich ballte die linke Faust. Die rechte hob ich und nahm ihr sanft das Kleid ab. »Es wird so gut bezahlt, dass ich meine Kleider nicht unbedingt verkaufen muss.« Ich hing es liebevoll an seinen Platz zurück. »Sie werden nur in gute Hände abgegeben.« … und jedenfalls nicht in Deine Klauen.

Sie warf den Kopf in den Nacken und ließ ein melodisches Lachen hören, tief und verlockend. Es war wirklich ein hinreißendes Lachen. Leider. Ich unterdrückte den wilden Wunsch, ihr gegen das Schienbein zu treten, damit sie aufhörte.

»Nur in gute Hände …« wiederholte sie spöttisch. »Sie klingen wie die Züchterin des Dackels, den ich gerade gekauft habe. Wirklich, ich habe schon ganze Anwesen mit weniger Trara gekauft! Es fehlte nicht viel, und die Züchterin hätte mich nach meinen eigenen Essgewohnheiten gefragt.«

»Was wollen Sie denn mit einem Hund? Sie sind doch ständig auf Reisen.« Mist. Das war mir einfach rausgerutscht. Ich hatte echt nicht genug Selbstbeherrschung.

Sie riss die Bambiaugen auf. »Also kennen Sie mich.«

Ich neigte den Kopf – hoffentlich königlich. »Ich habe von Ihnen gehört.« und nicht nur Gutes.

Sie lächelte selbstgefällig, als ob ihr gar nicht einfallen würde, dass man auch etwas anderes als Lobeshymnen über sie erzählen könnte. »Machen Sie sich mal keine Sorgen um den Hund. Der wird gut versorgt werden. Ich habe nur das Beste für ihn gekauft.«

Plötzlich hatte ich ein Bild im Kopf: schwarzbraune Nase, seidige Ohren, und ein rotes Jäckchen mit Glitzer-Puschel obenauf. Tíz. Es gab noch ein Foto von uns, als ich kaum länger war als er selbst. Und ein anderes, in dem ich den kleinen Dackel im Arm hielt und dabei fast umfiel. Tíz war der Stardackel in der Clown-Nummer von Bálasz gewesen. Sehnsucht überfiel mich, wie so oft, wenn ich an meine ersten fünf Jahre im Zirkus dachte. Bálasz der Ungar war damals mein bester Freund, auch wenn er fünfzig Jahre älter war als ich. Na ja, eigentlich waren es dreizehn Freunde - er und seine zwölf Dackel, die er kurzerhand auf Ungarisch durchnummerierte. Tíz hieß zehn, und als meine Mutter starb und mein Vater sich entschied, den Zirkus zu verlassen, war Tíz der Grund gewesen, warum ich drei Nächte lang geweint hatte. Ich erinnerte mich noch gut an den warmen Hundegeruch und das Gefühl seines seidigen Fells an meiner Nase. Und an etwas anderes erinnerte ich mich. »Hunde sind schnell einsam«, brach es aus mir heraus.

Sie warf mir einen hochmütigen Blick zu. »Es wird genug Leute geben, die sich um ihn kümmern, wenn ich keine Zeit habe.«

Etwas in mir zog sich zusammen. »Er wird Sie brauchen, denn Sie sind seine Bezugsperson.«

Sie hob die zarten Augenbrauen. »Also sind Sie Dackel-Expertin, zusätzlich zu Mode-Designerin und Yacht-Innenaustatterin?«

Ich schaute sie einen Augenblick lang nachdenklich an. Was brachte Menschen dazu, so aggressiv zu sein, so vernichtend über andere zu sprechen, die sie kaum kannten? War es Unsicherheit, das Bedürfnis, andere niedrig zu halten, um selbst größer zu wirken? Oder mussten sie einfach um sich schlagen, weil sie so unglücklich waren? Ich schaffte es, mich nicht provozieren zu lassen. Statt dessen lächelte ich. »Ich bin vieles.«

Sie wirkte irritiert. Meine Reaktion hatte ihr den Wind aus den Segeln genommen. Abrupt drehte sie sich um und rupfte das Kleid wieder von seinem Bügel.

Ich zuckte zusammen.

»Ich werde dieses ganz besondere Unikat mal anziehen«, verkündete sie voller Ironie.

Es ging wie ein Messer durch mich hindurch. Niemals. Aber dann setzte sich meine Vernunft durch. Wenn eine Frau wie Bella Grazia eines meiner Kleider trug, war das eine Werbung, die kaum bezahlbar war. Ohne ein weiteres Wort zog ich den Vorhang zu meiner Umkleidekabine nach vorne. Es war ein schwerer Brokat von Luigi Bevilacqua aus Venedig in dunkelblau mit der cremefarbenen Lilie von Florenz. In meinem kleinen Atelier war kein Platz für eine Umkleidekabine, daher hatte ich den Vorhang so aufgehängt, dass er großzügig einen tiefen Sessel, der mit dem gleichen Material bezogen war, umrahmen konnte. Wenn ich ihn nicht brauchte, hing der Vorhang dekorativ direkt vor der Wand. Daneben war ein weiterer Spiegel, und unter dem Spiegel befand sich ein kleines Regal, mit Taschentüchern und einer Wasserflasche. Davor stand ein Paar Abendschuhe in einer gängigen Größe für die Anprobe.

Bella Grazia beäugte den Vorhang kritisch. Eigentlich hätte sie in diesem Augenblick ein Lorgnon gebraucht, um ihrer Verachtung richtig Ausdruck zu geben. »Wie niedlich.« Sie trat in die neu gebildete Umkleide und zog das letzte Stück des Vorhangs hinter sich zu. Und da sah ich es.

Das Bild hat sich tief in mein Gehirn eingegraben, und wenn ich heute Albträume habe, fängt es immer damit an: Der schimmernde Brokat, die weiße, schlanke Hand, und das breite Armband, das sichtbar wurde, als der weite Ärmel ihrer blauen Bluse durch die Bewegung zurückfiel. Das Licht meines Kronleuchters ließ es mit einem verführerischen Funkeln aufleuchten. Es schien aus Diamanten und Saphiren zu bestehen, die in kunstvollen Sternen angeordnet waren. Ich sog scharf die Luft ein und wendete mich ab.

Manche Leute sagen, dass sie Schokolade nicht widerstehen können. Dass das verdammte Zeug laut nach ihnen ruft, selbst wenn es im Schrank hinter drei Töpfen versteckt ist. Dass sie wie ein Tiger um die Sünde herumschleichen, bis der Damm endlich bricht und sie sich nicht mehr zurückhalten können. Dass sie über die Schokolade einfach herfallen und sie ratzekahl komplett bis zum letzten Krümel aufessen müssen, und dass es wie ein Rausch ist, aus dem sie erst auftauchen, wenn das Cellophanpapier blitzblank gegessen ist.

Ich kenne das.

Doch es ist keine Schokolade. Die lässt mich kalt.

Ich habe alles versucht, um davon loszukommen. Alles. Ich weiß, dass es eine Sucht ist, und ich weiß, dass es mich eines Tages vernichten wird. Im Zirkus haben sie mich die kleine Elster genannt. Wenn irgendwo etwas Glitzerndes fehlte, zuckte man mit den Schultern und fragte mich. Dann neigte ich beschämt den Kopf, schlich zu meinem Versteck bei den Trapezen und gab das Gesuchte widerstandslos her. Mein Vater sprach mir ins Gewissen. Bálasz erzählte mir, wie Diebe enden. Meine Mutter fluchte. Mein Vater versuchte es mit Strafen, mit Belohnungen, mit Drohungen. Vergebens. Ich weiß sehr wohl, dass es nicht richtig ist, habe es immer gewusst, und ich kämpfe erbittert gegen diese Schwäche an. Ich gehe Umwege in der Stadt, um nicht beim Juwelier vorbeizugehen. Ich habe die verdammten Spiegel an die Decke gehängt, damit ich mich überwacht fühle. Ich lenke mich ab, hektisch, intensiv. Und ich habe mich wirklich gebessert. Es ist zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal schwach wurde. Doch dieses Armband …