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Cover E-Book Italienkrimi Immer Aerger mit der Famiglia Florentinische Morde 8 Beate Boeker
Beate Boeker

Immer Ärger mit der Famiglia

Florentinische Morde Nr. 8
Florentinische Morde #8

Lucio wird sturzbetrunken in den Armen einer erstochenen Prostituierten gefunden. Er beteuert seine Unschuld und kann sich an nichts erinnern, doch selbst seine Frau Emma glaubt ihm nicht. Werden Stefano & Carlina die Wahrheit herausfinden?

    Blurb

    Familie Mantoni unter Mordverdacht

    Carlina und Commissario Stefano Garini sind gerade erst zusammengezogen, da wird Lucio, der frisch gebackene Ehemann von Carlinas Cousine, in einer kompromittierenden Situation gefunden: Er liegt bewusstlos in den Armen einer erstochenen Prostituierten. Als Stefano ihn befragt, kann Lucio sich an nichts erinnern. Wieder einmal gezwungen, gegen die Mantonis zu ermitteln, gibt der Commissario sein Bestes, um einen Beweis für Lucios Unschuld zu finden. Doch mit jedem neuen Indiz zieht sich die Schlinge um Lucios Hals nur noch enger zu. Dabei hilft es auch nicht, dass die Familienoberhäupter, Tante Violetta und Onkel Teo, an einer neuen Geschäftsidee arbeiten, die sie in der Mordnacht zufällig direkt zum Tatort treibt … 

    Das schrille Klingeln an der Tür riss Carlina aus ihren Träumen. Sie fuhr hoch und sprang aus dem Bett, bevor sie überhaupt wusste, wie ihr geschah, nur von einem einzigen Gedanken getrieben: »Mamma ist etwas zugestoßen!«

    Ihre instinktive Reaktion war ganz natürlich: Wenn es mitten in der Nacht an der Tür klingelte, musste eine Katastrophe passiert sein. Und wenn es um eine Katastrophe ging, war es nur logisch, dass ihre Mutter mittendrin steckte.

    Ihre nackten Füße berührten die Terrakottafliesen. Sie fühlte die Kälte der Aprilnacht nicht, aber ihr Kreislauf war durch die schnelle Bewegung überfordert, sodass sie sich für einen Augenblick am Regal festhalten musste. In ihrem Kopf drehte sich alles und kleine Sternchen erschienen vor ihren geschlossenen Augen. In diesem Augenblick stellte sie etwas fest, das sie sofort hätte bemerken müssen: Ihr Mann Stefano befand sich nicht im Raum. War er schneller aus dem Bett gewesen, seine Reaktionen durch all die Jahre bei der Kripo in Florenz trainiert?

    Es klingelte erneut.

    Carlina zuckte zusammen. Vielleicht war es gar nicht mamma an der Tür. Vielleicht hatte Stefano die Wohnung aus irgendeinem Grund verlassen und den Schlüssel vergessen? Sie schnappte sich einen Bademantel, warf ihn über und ging zur Tür. Im Vorbeigehen bemerkte sie die Zeit, 2:15 Uhr morgens. Furchtbar.

    Sie war noch im Flur, als sie hörte, wie die Haustür geöffnet wurde. Dann sprach Stefano beruhigend auf jemanden ein. Also war es doch mamma. Sie eilte zur Tür und blieb erstaunt stehen, als sie Stefano in Schlafanzughosen sah, der die Tür für ihre Cousine Emma aufhielt.

    Emmas normalerweise perfekte Frisur war völlig verwüstet, Tränen strömten ihr über das Gesicht und sie hielt ihr Baby an sich gedrückt, als ob jemand ihr das Kind entreißen wolle.

    »Emma!« Auf einmal war Carlina hellwach. Sie lief auf ihre Cousine zu. »Ist etwas mit der kleinen Zoe?«

    »Nein, nein.« Emma jammerte laut auf. »Es ist Lucio. Er hat mich verlassen.«

    Carlina warf Stefano einen entsetzen Blick zu. »Blödsinn, Lucio betet dich an. Ihr seid doch noch nicht mal zwei Jahre verheiratet.«

    Emma unterdrückte einen Schluckauf. »Er betet mich nicht mehr an. Er … er …«

    »Komm erst mal rein.« Stefano legte eine Hand auf Emmas Schulter und zog sie sanft in die Wohnung, dann schloss er die Tür hinter ihr. »Es ist kalt, und du musst dich erst mal hinsetzen.«

    Carlina blickte ihn dankbar an. Er schaffte es, immer ruhig und ausgeglichen zu bleiben, sogar wenn ihre Familie hysterische Anfälle bekam. Heute hatten sie allerdings ein neues Niveau erreicht. Bis jetzt waren noch nie Mantoni-Mitglieder mitten in der Nacht in die Wohnung gestürmt.

    Sie nahm ihre Lieblingsdecke aus falschem Leopardenfell und wickelte sie um Emmas Schultern. Dann gab sie ihr ein Taschentuch, setzte sich neben sie und tätschelte ihr Knie, während sie versuchte, einen Blick auf das Baby zu erhaschen. Das Gesicht der kleinen Zoe war kaum sichtbar, so sehr war sie eingewickelt, aber sie schien ganz friedlich zu schlafen.

    Carlina seufzte erleichtert, dann wandte sie sich ihrer Cousine zu. »Nun erzähl erst mal.«

    Stefano setzte sich ihnen gegenüber und hörte konzentriert zu, während sein forschender Blick auf Emma ruhte.

    »Ich … ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.« Emma schluckte.

    »Fang ganz am Anfang an.« Stefanos Stimme war ruhig. »Und dann erzählst du alles bis zum Ende.«

    »Der Anfang.« Emmas Gesicht zuckte. »Ich glaube, es begann mit Zoes Geburt.«

    »Ja?« Carlina lächelte ihr ermutigend zu.

    »Na ja, es hat Lucio wirklich schockiert. Die Geburt, meine ich. Die Schmerzen. Als es vorbei war, hat er gesagt, dass er mich nie wieder so einer Tortur aussetzen möchte.«

    Carlina schluckte. »Das lag daran, dass er sich solche Sorgen um dich gemacht hat. Er liebt dich so sehr, und es war ja nun wirklich keine einfache Geburt.«

    Emma schloss die Augen. »Das habe ich auch zuerst gedacht, und ich fand, es war so lieb von ihm. Aber dann begann Zoe mit ihren … ihren Anfällen.« Sie hob ihren tragischen Blick zu ihnen. »Warum muss sie jeden Tag von fünf bis neun weinen?«

    Carlina fühlte sich unwohl. Sie war keine Baby-Expertin, aber sie hatte Zoes Weinen sogar durch die dicken Wände zum Nachbarhaus hin gehört. Die Mantonis hatten schon alle möglichen Lösungen diskutiert, doch egal, was Emma ausprobierte, es half nichts. »Sie wird bestimmt damit aufhören, wenn sie drei Monate alt ist.«

    »Aber sie ist erst drei Wochen alt, und ich drehe jetzt schon durch!« Emmas Gesicht zuckte. »Ihr habt keine Ahnung, wie das wirklich ist. Und jetzt hat Lucio mich verlassen, und ich bin ganz alleine mit ihr.«

    »Warum denkst du, dass Lucio dich verlassen hat?«, fragte Stefano.

    »Weil er heute Nacht nicht nach Hause gekommen ist.«

    Carlina setzte sich aufrecht hin. »Aber das ist doch kein Grund, anzunehmen, dass er dich verlassen hat. Vielleicht hatte er einen Unfall!«

    »Nein.« Emma schüttelte den Kopf. »Ich fühle es. Er hat mich verlassen. Ich habe die Anzeichen gesehen.«

    »Was für Anzeichen?« Carlina starrte ihre Cousine an. Ein Unfall war viel wahrscheinlicher. Sie sollten jetzt eigentlich die Krankenhäuser anrufen, anstatt hier herumzusitzen und zu jammern.

    »Er … er hat mir immer wieder gesagt, dass er länger arbeiten muss.«

    »Aber das ist doch nicht immer ein Anzeichen dafür, dass ein Mann untreu wird.« Carlina fuhr sich mit beiden Händen durch die Locken. »Er hat seinen neuen Job erst einige Wochen vor Zoes Geburt angetreten, also muss er sich etablieren und einen guten Eindruck hinterlassen.«

    Emma schüttelte den Kopf. »Das dauert aber nicht bis Mitternacht.«

    »Manche Geschäftsessen können so lange dauern«, warf Stefano ein.

    Carlina lächelte ihn an. Er sah entschieden sexy aus mit seinem verwuschelten Haar und seinem nackten Oberkörper. Seine Schlafanzughose war aus dunkelblauer Seide, ein Geschenk aus ihrem Unterwäschegeschäft Temptation. Sie stand ihm ziemlich gut. Mühsam riss sie ihre Gedanken von ihrem Mann los und konzentrierte sich wieder auf Emma.

    »Das sind keine Geschäftsessen!« Emmas Stimme wurde lauter und die kleine Zoe jammerte leise im Schlaf. Emma küsste sie vorsichtig. »Er hat mir gesagt, dass er mit wichtigen Interessenten in Nachtclubs gehen muss. Mindestens zweimal pro Woche!«

    »In Nachtclubs? Geschäftlich?« Carlina blinzelte.

    »Ja. Das ist doch ziemlich unwahrscheinlich, oder? Und dann, kaum dass Zoe geboren war, musste er plötzlich noch länger arbeiten und jetzt ist er nur noch ganz selten zu Hause.« Ihre Tränen fielen wieder. »Und … und ich bin so fett und hässlich geworden, und jetzt verlässt er uns und …« Schluchzen schüttelte sie.

    Carlina legte den Arm um sie und zog sie an sich. »Ach, Emmachen, du bist immer noch wunderschön. Mach dir keine Sorgen! Und natürlich ändert sich das Leben, wenn man ein Baby bekommt, aber ich bin sicher, dass er euch beide sehr liebt. Wenn er zu Hause ist, trägt er Zoe doch nonstop herum und der Blick in seinen Augen ist einfach unbeschreiblich, so zärtlich und liebevoll.«

    »Aber er ist eben nicht mehr zu Hause! Hörst du mir denn gar nicht zu? Er geht morgens um acht aus dem Haus, unfreundlich und genervt, und kommt erst gegen Mitternacht zurück, erschöpft und noch schlechter gelaunt. Aber so spät wie heute war er noch nie dran und zwei Uhr morgens ist wirklich das Limit! Ich glaube nicht mehr an seine Ausreden. Kunden um Mitternacht! Zweimal die Woche! Ha! Er muss mir jetzt endlich die Wahrheit sagen. Ich muss es wissen, selbst wenn es mir das Herz bricht!« Sie blickte auf ihre Tochter. »Ich hätte nie gedacht, dass unsere Ehe sich so schnell auflösen würde, und ich dachte, dass es traumhaft wäre, ein Baby zu bekommen. Natürlich ist es pure Magie, aber es ist auch so wahnsinnig anstrengend und so schwierig.«

    Carlina erkannte ihre Cousine kaum wieder. Emma war sich ihres Wertes immer sehr bewusst gewesen. Sie wusste, wie schön sie war und war absolut fokussiert auf die Dinge, die sie erreichen wollte. Sie war ganz und gar nicht der Typ für Nervenzusammenbrüche, aber andererseits hatte sie natürlich auch noch nie so wenig geschlafen und vermutlich waren ihre Hormone völlig durcheinander, sodass sie empfindlich und unglücklich wurde. »Nun ziehe keine voreiligen Schlussfolgerungen, Emma.« Das klang selbst in ihren eigenen Ohren schwach. »Lass uns erst mal Lucio finden. Ich bin sicher, dass er eine vernünftige Erklärung für sein Verhalten hat.«

    Stefano stand auf. »Ich rufe auf der Wache an. Wenn es einen Unfall gab, wissen sie es auf jeden Fall.«

    Emma schniefte. »Vielleicht bin ich ja schon Witwe.«

    »Emma, nun reicht’s!« Carlina schüttelte sie ein wenig. »Sieh nicht alles schwarz! Ich mache dir einen Kräutertee zur Beruhigung.« Sie stand auf und ging in die Küche. Durch die offene Tür sah sie, wie Stefano das Telefon in die Hand nahm. Er lächelte Emma beruhigend zu, dann folgte er Carlina in die Küche und schloss die Tür leise hinter sich. Einen Augenblick später sprach er in den Hörer. »Gloria, hier ist Stefano Garini.«

    »Stefano! Wie kommt es, dass du mich mitten in der Nacht anrufst? Du hast doch heute keinen Dienst, oder?« Ihre Stimme war so laut wie eine Trompete und klang durch die stille Küche wie eine Fanfare.

    Carlina konnte jedes Wort verstehen.

    »Nein, ich bin zu Hause, aber ich mache mir Sorgen um … einen Cousin von mir.«

    Carlina lächelte in sich hinein. Lucio hatte genau wie Stefano in den Mantoni-Clan eingeheiratet, also waren sie nicht blutsverwandt, aber es war schön zu sehen, dass Stefano ihn als Verwandten betrachtete.

    Stefano klemmte sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter und begann damit, eine Tasse Kaffee zu machen. »Gibt es irgendwelche Unfallberichte heute Nacht?«

    »Ein paar. Soll ich dir die Namen vorlesen?«

    »Ich suche nach Lucio Casanuova. Könntest du bitte mal schauen, ob er irgendwo aufgeführt wird?«

    »Na klar!« Gloria trällerte wie ein glücklicher Vogel. »Lass mich nur schnell diese Datei hier öffnen. Weißt du, es ist ein echtes Vergnügen, deine Stimme so unerwartet zu hören. Du sprichst tagsüber ja kaum mit mir. Immer so beschäftigt.«

    Stefano verdrehte die Augen und antwortete nicht.

    »Aber jetzt bist du natürlich auch ein verheirateter Mann.« Gloria seufzte so tief, dass ihr Atem wie ein Wüstensturm durchs Telefon kam.

    Carlina stellte den Wasserkocher an und schüttelte den Kopf.

    »Genau.« Stefanos Stimme klang trocken. »Und meine Frau ist sehr besorgt um ihren Cousin, daher wäre ich dankbar, wenn du schnell durch die Meldungen schauen könntest.«

    »Immer mit der Ruhe, immer mit der Ruhe. Du kennst doch unser System, das ist nicht das Schnellste. Ahhhh, hier ist es ja schon. Lass mich mal sehen …« Sie fing an, unverständliche Namen vor sich hin zu murmeln. »Hast du Lucio gesagt? Wir haben einen Lucio hier. Autounfall.«

    Carlina blickte Stefano entsetzt an.

    Er legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. »Sein Name ist Lucio Casanuova.«

    »Dann ist er es nicht. Dieser hier heißt Lucio Dalla. Lustig. Wie der Sänger. Aber der ist ja schon 2012 gestorben. Der Sänger, meine ich. Also kann er es nicht sein.«

    Carlina biss die Zähne zusammen.

    »Gibt es noch eine andere Info, die sich auf den Lucio beziehen könnte, nach dem ich suche?« Stefano klang immer noch gelassen.

    »Nee, hier ist gar nichts. Obwohl … lass mich noch mal in die anderen Meldungen schauen. Wäre ja blöd, wenn wir etwas übersehen. Wie ist es denn bei dir so? Schrecklich ungemütlich heute Nacht, oder? Viel zu kalt für April. Ich kann es kaum erwarten, bis der Frühling kommt. Ich habe geplant, neue Blumen für meinen Balkon zu kaufen und –« Sie brach ab. Schlagartig veränderte sich die Atmosphäre von entspannt zu bedrohlich. »Sagtest du Lucio Casanuova?« Ihre Stimme klang auf einmal ernst.

    »Ja.«

    Carlina kuschelte sich enger an Stefano, die Wange an seiner Brust. Das gleichmäßige Schlagen seines Herzens war beruhigend, obwohl es sich jetzt etwas beschleunigte.

    »Lucio Casanuova, mit C, richtig?«

    »Ja.« Stefano sprach durch zusammengebissene Zähne.

    »Es tut mir leid.« Gloria schluckte so schwer, dass sie es durch das Telefon hören konnten. »Er ist im Gefängnis.«