GLITZER
Eine Kleptomanin, ein ehemaliger Polizist und ein herrenloser Dackel verfolgen einen Mörder: Unterhaltung pur in diesem sommerlichen Toskana-Krimi!
Blurb
Eigentlich ist Tonia auf dem richtigen Weg: Als Haute-Couture-Designerin hat sie im Badeort Viareggio ein kleines Atelier und große Pläne. Wäre da nur nicht ihre Schwäche für Glitzer, die sie immer wieder in die Versuchung bringt, Grenzen zu überschreiten. Als ihr Gewissen sich durchsetzt, beschließt Tonia, ein entwendetes Armband heimlich an die Besitzerin zurückzugeben. Doch in deren Hotelzimmer stolpert sie über eine Leiche...
Zwischen einem herrenlosen Dackel, höchst eigenwilligen Großeltern und dem ebenso verschlossenen wie attraktiven Detektiv Rick versucht Tonia verzweifelt, ihre Unschuld zu beweisen.
Ein stilvoller Italienkrimi voller Charme, Witz und Eleganz – über Schuld und Gewissen, zweite Chancen und den Mut, sich nicht mit dem Glanz an der Oberfläche zufriedenzugeben.
Dieses Buch ist eine Neuauflage. Es hieß zuvor »Tote sagen nicht Buongiorno« und wurde unter dem Pseudonym Carla di Luca im Ullstein Verlag verlegt. Die Inhalte sind weitestgehend unverändert.
Excerpt
Ich wusste in der Sekunde, in der sie durch die Tür meines kleinen Ateliers trat, dass sie eine anstrengende Kundin werden würde. Hätte ich in die Zukunft blicken können, wäre ich aufgesprungen und davongelaufen. Aber in diesem Augenblick erwartete ich nur eine Stunde Stress, vielleicht zwei.
Ich glaube, es war ihr Mund. Die Mundwinkel wirkten verkniffen, sie sah unzufrieden aus. Aber auf den ersten Blick bemerkte ich das nur flüchtig. Sie hatte dunkelrotes Haar, das ihr in glänzenden Wellen bis zur Hüfte fiel, samtbraune Augen und eine helle Haut wie eine Porzellanpuppe, dazu eine Figur … oh, là là. Außerdem war sie von Kopf bis Fuß in Gucci gekleidet, was ich auch ohne die auffallende Handtasche sofort erkannte. In Viareggio gab es durchaus attraktive Frauen, vor allem jetzt im Juni, wo die Sommersaison begann, aber diese hier wäre selbst in Mailand während der Modemesse aufgefallen.
Mit einem Lächeln grüßte ich die Dame über meine Nähmaschine hinweg. »Ein herrlicher Tag, nicht wahr?«
Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und funkelte auf dem Wasser des Canale Burlamacca, der direkt vor meinem Atelier entlangführte. Ich hatte Spiegel an der Decke anbringen lassen, die das Licht einfingen und vervielfältigten, sonst wäre es in dem kleinen, schmalen Raum zu dunkel für meine Näharbeiten gewesen. Oben in meiner Wohnung war es nicht viel besser, doch dort hielt ich mich nur zum Schlafen auf. Das historische Haus, in dem ich lebte, hatte vermutlich einmal einem Fischer gehört. Der Hafen war nicht weit.
Es gab noch einen anderen Grund für die Spiegel hier unten, aber den Gedanken daran schob ich hastig von mir.
»Es tut mir leid, ich verstehe kein Italienisch.« Sie sprach Englisch mit amerikanischem Akzent und schaute dabei nicht einmal in meine Richtung.
»Kein Problem«, antwortete ich in ihrer Sprache. »Ich habe nur gesagt, dass heute ein schöner Tag ist.«
Die Frau nickte, ohne mich anzusehen, offensichtlich nicht in der Stimmung für Small Talk.
Wie seltsam. Eine Amerikanerin, die nicht gern plauderte, das war neu für mich. Aber vielleicht hatte sie nur wenig Zeit und war von meinen Abendkleidern so begeistert, dass sie nicht abgelenkt werden wollte. Jetzt rupfte sie mit fahrigen Händen eine meiner Kreationen vom Bügel, raffte sie in der Taille und schaute prüfend in den wandhohen venezianischen Spiegel mit dem dicken Goldrahmen.
Ich biss die Zähne zusammen. Es war ein Entwurf, der herrlich dicke Seide mit Lederapplikationen kombinierte. Gewagt, feminin und eigentlich perfekt für sie. Doch ich wollte nicht, dass eines meiner Kleider von einer Frau mit so unzufriedenem Mund und gierigen Händen getragen wurde.
Jetzt reiß dich mal zusammen, Tonia, rief ich mich selbst zur Ordnung. Wenn deine Schöpfungen nur von Menschen getragen werden dürfen, die glücklich und schön sind, bleibt eine verdammt kleine Zielgruppe übrig. »Die Farben passen sehr gut zu Ihrem Typ. Möchten Sie es vielleicht anprobieren?«
Sie blickte mich über ihre Schulter hinweg an, und in der Sekunde erkannte ich sie: Bella Grazia, den Star der Show meines Vaters. Sängerin, Tänzerin, Schauspielerin. Ich hätte es gleich wissen müssen, doch ich hatte sie noch nie in Person gesehen. Ich kannte nur das Plakat, das ihre Show ankündigte. Das Plakat, auf dem sie genau wie jetzt über die Schulter schaute – mit dem Unterschied, dass ihre Augen darauf von extralangen Wimpern beschattet wurden, umrahmt von einem Lidstrich, der Glamour und Sünde zugleich versprach, ergänzt von einem tiefroten Lippenstift, der den unzufriedenen Mund übermalte.
Ich habe es meinem Vater zu verdanken, dass ich Details in Gesichtern schon von Weitem ausmache. Er nahm mich als kleines Kind mit ins Gran Caffè Margherita mit seinen arabisch anmutenden Türmen und trug mir auf, ihm die Leute zu beschreiben, die um uns herum saßen. Dann ergänzte er, was mir entgangen war – und erklärte mir, was sich hinter der Fassade verbarg.
Manchmal war es ein wenig schwierig, weil er selbst alle Blicke auf sich zog, zumindest die der Touristen. In Viareggio hatten die Menschen sich an seine hohe Gestalt, seine breiten Schultern, seine dröhnende Stimme und vor allem seinen tiefschwarzen Samtumhang mit dem purpurroten Seidenfutter schon fast gewöhnt. Aber wer ihn das erste Mal sah, schaute immer noch ein zweites Mal hin, um sicherzugehen, dass er echt war. Mein Vater, der sich selbst immer und überall als »Lionel der Löwe« vorstellte, obwohl er eigentlich auf den Namen Luigi getauft ist, strahlte eine gewisse Präsenz aus. Die Präsenz eines Zirkusdirektors, der mit einem Trommelwirbel in die Mitte der Manege schreitet und Glanz und Glitzer, Sägemehl und wilde Tiere, Tanz und Tränen verspricht. Tatsächlich war das sein Beruf, als ich geboren wurde. Wobei Beruf nicht das richtige Wort ist, denn einen Beruf kann man wechseln, er definiert einen nicht unbedingt. Doch mein Vater war Zirkusdirektor mit Leib und Seele, und selbst wenn er irgendwo als Buchhalter hätte arbeiten müssen, wäre er mit einem aristokratischen Schwung seines Umhangs ins Büro stolziert und hätte die Schöße seines Fracks hinter sich geworfen, während er sich auf seinen Stuhl setzte. Er hätte die Monatsergebnisse angekündigt, wie er früher die Trapeznummer meiner Mutter als Höhepunkt der Show angepriesen hatte.
Mein babbo war sehr stolz darauf, Bella Grazia unter Vertrag genommen zu haben, und hatte mir erzählt, wie lang und zäh die Verhandlungen gewesen waren. Die Dame verlangte himmelhohe Gagen und wohnte in der Prinzessinnen-Suite im Hotel Royal Superior Splendide, dem teuersten Luxushotel der Stadt.
»Wie viel?«
Die Stimme von Bella Grazia riss mich aus meinen Gedanken. Offensichtlich machte sie nicht gern viele Worte. Ich nannte ihr den Preis für das Kleid mit ruhiger Stimme.
Sie riss die Augen weit auf. »Das ist teuer.«
»Es ist Haute Couture.«
Ihre gierigen Hände griffen nach dem kleinen Metalletikett, das jedes meiner Kleider zierte. »Toniella«, las sie vor. »Nie gehört. Wer ist das?«
»Das ist meine Marke«, antwortete ich mit aller Ruhe, die ich aufbringen konnte. »Ich heiße Antonia, und dieses Kleid ist ein Unikat.«
Sie maß mich von oben bis unten mit ihrem Blick. »Also selbst genäht?« Es klang so, als ob sie fast hinzugefügt hätte: nach einem Kurs an der Volkshochschule?
Ich hätte ihr mein Kleid gern aus der Hand gerissen und beherrschte mich nur mit Mühe. »Ich habe Modedesign studiert.«
Sie ließ das Kleid nicht los und machte einen Schritt hin zu meiner Nähmaschine, wo sie stirnrunzelnd den dicken Stoff hochhob, den ich gerade verarbeitete. »Das wird doch nie und nimmer ein Kleid.«
»Nein. Das wird ein Sofabezug.« Ich hielt meine Stimme so freundlich wie möglich. »Ich habe auch Interior Design studiert und entwerfe zusätzlich die Innenausstattung von Luxusjachten.«
Sie lächelte böse. »Aha. Also kann man von der Mode wohl nicht ganz leben, was?«
Sie hatte den Nagel auf den Kopf und mich an einer empfindlichen Stelle getroffen. Ich ballte die linke Faust. Die rechte hob ich und nahm ihr sanft das Kleid ab. »Meine Arbeit wird so gut bezahlt, dass ich meine Kleider nicht unbedingt verkaufen muss.« Ich hängte es liebevoll an seinen Platz zurück. »Sie werden nur in gute Hände abgegeben.« … und nicht in deine Klauen.
Sie warf den Kopf in den Nacken und ließ ein melodisches Lachen hören, tief und verlockend. Es war wirklich hinreißend. Leider. Ich unterdrückte den wilden Wunsch, ihr gegen das Schienbein zu treten, damit sie aufhörte.
»Nur in gute Hände«, wiederholte sie spöttisch. »Sie klingen wie die Züchterin des Dackels, den ich gerade gekauft habe. Wirklich, ich habe schon ganze Anwesen gekauft, bei denen die Eigentümer weniger Trara gemacht haben! Es fehlte nicht viel und die Züchterin hätte mich nach meinen Essgewohnheiten gefragt.«
»Was wollen Sie denn mit einem Hund? Sie sind doch ständig auf Reisen.« Mist.
Sie riss die Bambiaugen auf. »Also kennen Sie mich?«
Ich neigte den Kopf – hoffentlich königlich. »Ich habe von Ihnen gehört.« Und zwar nicht nur Gutes.
Sie lächelte selbstgefällig, als ob nichts anderes als Lobeshymnen über sie erzählt werden könnten. »Machen Sie sich mal keine Sorgen um den Hund. Der wird gut versorgt. Ich habe nur das Beste für ihn gekauft.«
Plötzlich schoss mir ein Bild durch den Kopf: schwarzbraune Nase, seidige Ohren und ein rotes Jäckchen mit Glitzer-Puschel, der wie eine Fontäne auf dem Rücken befestigt war. Tíz. Es gab noch ein Foto von uns, als ich kaum größer gewesen war als er selbst. Und ein anderes, auf dem ich den kleinen Dackel im Arm hielt und dabei fast umfiel. Tíz war der Star in der Clown-Nummer von Bálasz gewesen. Sehnsucht überfiel mich, wie so oft, wenn ich an meine ersten fünf Jahre im Zirkus dachte. Bálasz der Ungar war damals mein bester Freund gewesen, auch wenn er fünfzig Jahre älter war als ich. Na ja, eigentlich hatte ich dreizehn Freunde gehabt, ihn und seine zwölf Dackel, die er kurzerhand auf Ungarisch durchnummeriert hatte. Tíz hieß zehn, und als meine Mutter starb und mein Vater sich entschied, den Zirkus zu verlassen, war Tíz der Grund gewesen, warum ich drei Nächte lang geweint hatte. Ich erinnerte mich noch gut an den warmen Hundegeruch und das Gefühl seines seidigen Fells an meiner Nase. Und an etwas anderes erinnerte ich mich ebenfalls. »Hunde sind schnell einsam.«
Sie warf mir einen hochmütigen Blick zu. »Es gibt genug Leute, die sich um ihn kümmern, wenn ich keine Zeit habe.«
Etwas in mir zog sich zusammen. »Er wird Sie brauchen,denn Sie sind seine Bezugsperson.«
Sie hob die zarten Augenbrauen. »Also sind Sie Dackel-Expertin, zusätzlich zur Mode-Designerin und Jacht-Innenausstatterin?«
Ich schaute sie einen Augenblick lang nachdenklich an. Was brachte Menschen dazu, so aggressiv zu werden, so vernichtend über andere zu sprechen, die sie kaum kannten? War es Unsicherheit, das Bedürfnis, andere klein zu halten, um selbst größer zu wirken? Oder mussten sie einfach um sich schlagen, weil sie so unglücklich waren? Ich schaffte es, mich nicht provozieren zu lassen. Stattdessen lächelte ich.
»Ich bin vieles.«
Sie wirkte irritiert. Meine Reaktion hatte ihr den Wind aus den Segeln genommen. Abrupt drehte sie sich um und rupfte das Kleid wieder von seinem Bügel.
Ich zuckte zusammen.
»Ich werde dieses ganz besondere Unikat mal anziehen.«
Niemals, schrie es in mir. Aber dann setzte sich meine Vernunft durch. Wenn eine Frau wie Bella Grazia eines meiner Kleider trug, war das unbezahlbare Werbung für mich. Ohne ein weiteres Wort zog ich den Vorhang von der Wand nach vorne. Es war ein schwerer Brokat von Luigi Bevilacqua aus Venedig, dunkelblau mit der cremefarbenen Lilie von Florenz darauf. In meinem kleinen Atelier war kein Platz für eine Umkleidekabine, daher hatte ich den Vorhang so aufgehängt, dass er großzügig einen tiefen Sessel umrahmen konnte, der mit dem gleichen Material bezogen war. Wenn ich ihn nicht brauchte, hing der Vorhang dekorativ direkt vor der Wand. Daneben war ein weiterer Spiegel, und unter dem Spiegel befand sich ein kleines Regal mit Taschentüchern und einer Wasserflasche. Davor stand ein großes Paar Abendschuhe.
Bella Grazia beäugte den Vorhang kritisch. Eigentlich hätte sie in diesem Augenblick eine Lupe gebraucht, um ihrer Verachtung Ausdruck zu verleihen. »Wie niedlich.« Sie trat in die neu gebildete Umkleide und zog das letzte Stück des Vorhangs hinter sich zu. Und da sah ich es.
Das Bild hat sich tief in mein Gedächtnis gegraben, und wenn ich heute Albträume habe, fangen sie immer damit an: der schimmernde Brokat, die weiße, schlanke Hand und das breite Armband, das sichtbar wurde, als der weite Ärmel ihrer blauen Bluse durch die Bewegung zurückfiel. Das Licht meines Kronleuchters ließ es in einem verführerischen Funkeln aufleuchten. Es schien aus Diamanten und Saphiren zu bestehen, die in kunstvollen Sternen angeordnet waren.
Ich sog scharf die Luft ein und wandte mich ab. Manche Leute sagen, dass sie Schokolade nicht widerstehen können. Dass das verdammte Zeug laut nach ihnen ruft, selbst wenn es im Schrank hinter drei Töpfen versteckt ist. Dass sie wie ein Tiger um die Sünde herumschleichen, bis der Damm endlich bricht und sie sich nicht mehr zurückhalten können. Dass sie über die Schokolade herfallen und sie bis zum letzten Krümel aufessen müssen und dass sie sich wie in einem Rausch fühlen, aus dem sie erst aufwachen, wenn das Cellophanpapier blitzblank gegessen ist.
Ich kannte das.
Doch bei mir war es nicht Schokolade. Die ließ mich kalt.
Ich hatte alles versucht, um davon loszukommen. Alles. Ich wusste, dass es eine Sucht war, und ich wusste, dass es mich eines Tages vernichten würde. Im Zirkus hatten sie mich die kleine Elster genannt. Wenn irgendwo etwas Glitzerndes fehlte, zuckte man mit den Schultern und fragte mich. Dann neigte ich beschämt den Kopf, schlich zu meinem Versteck bei den Trapezen und gab das Gesuchte widerstandslos her. Mein Vater sprach mir ins Gewissen. Bálasz erzählte mir, wie Diebe endeten. Meine Mutter fluchte. Mein Vater versuchte es mit Strafen, mit Belohnungen, mit Drohungen. Vergebens. Ich wusste sehr wohl, dass es nicht richtig war, hatte es immer gewusst, und ich kämpfte erbittert gegen meine Schwäche an. Ich nahm Umwege in der Stadt,um nicht beim Juwelier vorbeizukommen. Ich hatte die verdammten Spiegel an die Decke gehängt, damit ich mich überwacht fühlte. Ich lenkte mich ab, hektisch, intensiv. Und ich hatte mich wirklich gebessert. Es war zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal schwach geworden war. Doch dieses Armband …